Was ist Yoga?


Yoga meinte im alten Indien zunächst etwas ganz Praktisches: das Anbinden oder Anschirren von Zugtieren (Ochsen, Pferden etc.) vor einen Wagen. Auch wir kennen den Begriff "Yoga" aus diesem Zusammenhang. Das deutsche Wort "Joch" und der indische Begriff "Yoga" sind sprachlich eng miteinander verwandt. Wenn man Zugtiere vor einen Wagen oder einen Pflug spannt, dann geschieht zweierlei: Die Tiere, die vorher für sich waren, werden miteinander verbunden, es erfolgt also eine Vereinigung. Andererseits bekommt der Fuhrmann oder Bauer mit dem Joch und Geschirr aber auch Kontrolle über die Tiere, es findet damit eine Lenkung der Zugtiere statt.Somit kennen wir schon zwei ganz wichtige Elemente des Yoga-Weges: Yoga fügt etwas zusammen, stellt eine Einheit her - und Yoga erlaubt eine Kontrolle über die "Antriebskräfte", damit das "Fahrzeug" mit gebündelter Kraft in eine Richtung fahren kann. Die Weisen des alten Indien erkannten auch den tieferen Zusammenhang dieses Bildes.
In den Upanisaden (ab etwa 900 v. Ch.) heißt es sinngemäß: "Dieser menschliche Körper ist das Fahrzeug der Seele und die menschlichen Sinne sind zunächst wie wilde Tiere. Sie müssen gebündelt (vereinigt) und kontrolliert (gelenkt) werden, damit der Mensch mit seinem Fahrzeug zur "Selbst-Verwirklichung" gelangen kann."
Damit konnte der Begriff "Yoga" in den folgenden Jahrhunderten in Indien zu dem Oberbegriff für ein ganzes Bündel von Methoden und Techniken werden, die alle ein gemeinsames Ziel haben: die Befreiung des Menschen vom Leiden (duhkha).

In der indischen Kulturgeschichte entwickelten sich folglich eine ganze Reihe unterschiedlicher Yoga-Traditionen. Obwohl Yoga im Laufe seiner langen Entwicklung so eine Verbindung mit den verschiedensten Geistesströmungen eingegangen ist, blieb den meisten indischen Meistern und Meisterinnen des Yoga bewusst, dass Yoga vor allem eine - an sich weltanschaulich neutrale - Methode ist. Das Festhalten an bestimmten Inhalten, das die westliche Kulturtradition nachhaltig geprägt und teilweise sehr intolerant gemacht hat, war Ihnen weniger wichtig. Wichtig waren dagegen drei grundlegende Prinzipien des indischen Yoga:

  1. Yoga lebt aus der Praxis und für die Praxis.
    In modernen Worten ausgedrückt heißt das: Yoga macht die eigene Erfahrung des Übenden zum entscheidenden Kriterium für das Fortschreiten auf dem Weg. Dies gibt dem indischen Yoga-System die auch im Westen allgemein geschätzte große Toleranz.
  2. Yoga wird in einer engen Verbindung von LehrerIn und SchülerIn weitergegeben.
    Der sich in dieser authentischen Yoga-Tradition verstehende Lehrer sorgt dabei für die kompetente Betreuung des Schülers und begleitet die korrekte Anwendung der gelehrten Techniken. Er lässt aber jedem/r Schüler/in die Freiheit, seine/ihre eigenen Erfahrungen zu machen.
  3. Erfahrene Yoga-Praxis bemüht sich um Klarheit in der Methodik des Vorgehens und in der Ausrichtung auf die anvisierten Ziele.
    Diese Systematik im Aufbau und in der Stufenfolge des Yoga-Weges erkennen wir besonders im "achtgliedrigen" Yoga-System des Pata˝jali.

Etwa um die Zeitenwende entstanden die Yogasûtras des Pata˝jali, knapp 200 kurze Merk-Verse (sûtras), die auch im Westen wegen ihrer Dichte und Stringenz geschätzt werden. Im zweiten Kapitel dieser Yogasûtras präsentiert Pata˝jali den sogenannten achtgliedrigen Yoga-Pfad (astânga-yoga), der bis heute als Essenz des "klassischen Yoga" angesehen wird. Zu diesem Übungsweg rechnet Pata˝jali folgende acht Stufen:

  • yama (allgemeine Regeln)
  • niyama (besondere Regeln)
  • âsana (Sitz-Haltung/Körper-Haltung)
  • prânâyâma (Atem-Lenkung/Atem-Achtsamkeit)
  • pratyâhâra (Zurückziehen der Sinne)
  • dhâranâ (Konzentration)
  • dhyâna (Meditation, Versenkung)
  • samâdhi (Eins-Sein)

Der Name für die achte und höchste Stufe (samâdhi) bezeichnet zugleich die Etappenziele und das Endziel des Yoga-Weges. Wann immer wir (wunschlos) glücklich sind, haben wir Anteil an diesem höchsten Zustand. Das Glück und der innere Frieden den wir dann erleben, geben uns die Kraft für die Herausforderungen unseres Alltags.

 

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